Zinnober (2010)

Release Date: 2010-10-29
01. Intro
02. Diener 5er Herren
03. Der Handschuh
04. I Told You So
05. Risiko
06. Gumbagubanga
07. Damen
08. Der Feuerwehrmann
09. Nachtwache
10. Stetig Fromm
11. Klein Zaches
12. Ein Automat
13. Vergessen
14. Genghis Khan
15. Coppelius Hilft!
16. Ade Mein Lieb
ZINNOBER  war in mehreren Lieblingsliederlisten vertreten:
Platz 6 der Amazon Heavy Metal Bestseller!
Platz 8 der DAT20 Albumcharts!
Platz 14 der MRC DJ Metal-Rock-Charts!
Platz 18 der DAC Deutschen DJ Alternative Charts!
Platz 20 der Native 25 Charts!
Aufnahmen:
Marco Ponce Kärgel (recordmode-Tonstudio Berlin)
Thomas Heimann-Trosien (Turnstyle Studio Berlin)
Deelay D. Smith (Deelay Sound & Music)
Produktion & Mix:
Coppelius
Deelay D. Smith, Alex Istschenko
Thomas Heimann-Trosien (nur Gumbagubanga)
Mastering:
Matthias Geiße @Acoustic Playgrounds
Label: 
F.A.M.E. Recordings

 

 

Das kammermusikalische Brett

Werte Damen und Herren, betreten Sie das zauberhafte Kabinett der edlen Grandseigneurs von Coppelius und lassen Sie sich auf galanteste Art und Weise durch ein Reich der Wunder geleiten. Was Sie hier zu sehen und zu hören bekommen, wird ihren Horizont erweitern, ihr Blut in Wallungen bringen und Ihnen nicht zuletzt auch den Zylinder vom Haupte fegen. „Zinnober“ heißt das Zauberwort.

Die Geschichte dieses Sextetts ist eine sonderbare – aber das Gewöhnliche liegt Coppelius so oder so fern. Man munkelt, dass sich irgendwann im ausklingenden 18. Jahrhundert, zu Zeiten solch imposanter Künstler wie Mozart oder Goethe, die sechs illustren Herren erstmals in konspirativer Weise trafen, um eine ganz außerordentliche Musik zu zelebrieren; Kompositionen, die schon damals für gewellte Perücken und entsetzt gekräuselte Schnauzbärte gesorgt hätten, wären sie denn aus dem Herrenhaus der Kapelle gedrungen.

Erst viele Dekaden später, anno 2007, nutzten die musikalischen Genies ihre Kenntnisse der Galvanisation und Amplifikation, um eine erste Silberscheibe namens „Time-Zeit“ zu erschaffen – und ließen damit einen erfreulich frischen Windhauch durch die Welt der rockenden Töne sausen. Denn wo sich der herkömmliche Homo Musicantus auf eine lieblos gewürgte Stromgitarre verlässt, zücken die Coppelianer lässig ein paar althergebrachte Klangwerkzeuge sinnbildlich aus dem Ärmel. Da wären zwei formschön geschwungene Saiteninstrumente, Cello und Kontrabass, die für den nötigen mollenen Unterton sorgen. Diese werden von zwei kessen Zauberblasinstumenten, auch Klarinetten genannt, stilvoll aufgedurt. Hinzu kommen die klangvollen Gesangsorgane der Gentlemen – gleich vier an der Zahl. Und damit bei diesem massiven Instrumentarium das Chaos a priori vermieden wird, sorgt ein meisterlich rhythmisierendes Schlagzeug für die nötige Disziplin.

Doch Coppelius glänzt nicht nur im musikalischen Bereich durch eine unvergleichliche Eigentümlichkeit, vielmehr weiß man auch mit Anstand und einer gewissen Form der äußerlichen Extravaganz zu schillern. Denn der Sechser tritt stets dem edlen, künstlerischen Anlass entsprechend galant gekleidet und in gepflegter Manier auf. Nicht umsonst wird die Formation zu jeder Zeit von ihrem bandeigenen Diener Bastille begleitet und umsorgt, der für das leibliche und seelische Wohl seiner Herren zu sorgen hat.

Dies tat er in der Vergangenheit offenbar auf das Vortrefflichste, denn bereits 2009 versammelten sich Coppelius erneut, um ihr zweites Werk dem neugierigen Auditorium vorzustellen. Kein Name hätte dafür besser gepasst als „Tumult!“, denn ein solcher entsteht allzeit, wenn die Meister die ersten Takte ihrer virtuosen Stücke kredenzt haben und das Volk sich der eigenen Hemmungen entledigt und in ekstatischer Klangeslust das Tanzbein schwingt oder den Zylinder kreisen lässt.

Wer nun also diesem kammermusikalischen Spektakel beiwohnt wird feststellen, dass Instrumente aus vorhergehenden Jahrhunderten durchaus in der Lage sind, den Gehrock und alle Gliedmaßen fliegen zu lassen. Viel mehr noch – und verzeihen sie die vulgäre Ausdrucksweise –, aber es kommt der unumstößlichen Wahrheit am nächsten: Coppelius rocken wie ein wildgewordener Eber!

Nunmehr ist es also an der Zeit Ihnen, sehr verehrtes Publikum, die dritte Scheibe dieser ungewöhnlichen Ehrenmänner zu präsentieren, die auf den vieldeutigen Namen „Zinnober“ getauft wurde. Dies mag im ersten Augenblicke einige Fragen aufwerfen, denn „Zinnober“ bezeichnet einerseits einen besonderen Rotton, aber auch ein Mineralgestein und kann im Volksmunde desgleichen als unsinniger Firlefanz verstanden werden. Mit vehementem Druck auf den Stimmbändern erwidert Comte Caspar, seines Zeichens Maestro mitreißender Klarinettensoli und verzückender Gesangsakrobat: „Es ist nicht nett, unser neues Album als unsinnigen Firlefanz abzutun. Aber es trifft die Sache ganz gut …“ Dieser nüchterne Abstand des Künstlers zum selbst Geschaffenen ist einerseits atemberaubend, offenbart aber beifolgend den hohen Edelsinn der sechs Kavaliere. Graf Lindorf, der handfertige Herr des Cellos und versierter Stimmbandschwinger, umreißt „Zinnober“ akkurater: „Kompositorisch galt es, Komplexes und Eingängiges miteinander zu verbinden. Klanglich wollten wir fürderhin möglichst viel Fülle aus dem Instrumentarium holen – das wird heutzutage auch passend als ‚Brett‘ bezeichnet. Ich denke, wir sind in Beidem ein gutes Stück weitergekommen.“ Und, wie sollte es anders sein, da trifft der Musikus die Note zielsicher auf die Linie oder den Hammer auf den Kopf, denn „Zinnober“ setzt gekonnt fort, was Coppelius seit ihren ersten geheimen Tonexperimenten vor über zwei Jahrhunderten aus dem Äther der Musen gesaugt haben und bringt dies im Hier und Jetzt zur Vervollkommnung.

Beweise findet man in dieser Hinsicht genug, denn jedes der 15 Stücke ist ein vorzügliches Kleinod. Da wird einem alsbald „Der Handschuh“ um die Gehörgänge gedonnert, eine klangliche Duellherausforderung mit kammermusikalischer Wucht. Die Saiteninstrumente werden zum druckvollen Ungetüm, leichtfüßig umspielt von frechen Klarinettenmelodien. Selbstverständlich präsentieren sich Coppelius auch hier mit ganz besonderem Charme und der ihnen innewohnenden Narretei. Im Gegensatz dazu klingt „Diener 5er Herren“ auf den ersten Lauscher ein Quäntchen bedächtiger. Aber der gerissene kompositorische Genius der Coppelianten führt den Hörer gekonnt hinter den Notenständer, denn mit einem Male entfaltet sich ein infernaler Refrain, der sich nicht mehr aus dem Schädel bringen lässt und das unglückselige Leben der Dienerschaft besingt. Es kann nur an vorangeschrittenem Alter oder völliger Taubheit liegen, wenn man bei diesem Liedlein nicht augenblicklich zu einem ausgelassenen Springtanz oder gar einem unverhohlenen Mitsingen verleitet wird. Nicht mit rechten Dingen geht es bei „Damen“ zu, denn das hier herausgeschmetterte Klarinettensolo kann in seiner atemberaubenden Heftigkeit und Vollendung nur durch einen Pakt mit dem Gehörnten zustande gekommen sein. Einer bizarren Sphäre, in der die industrielle Revolution auf die des Rock’n’Roll trifft, ist schließlich der „Automat“ entsprungen – manufakturelles Geschepper und fingerfertige Saitenspielereien bewahren ein ganz besonderes Geheimnis. Und wie bereits erwähnt, kommt auch das „Brett“ zünftig zum Einsatz. Denn „Risiko“ verwandelt jeden steifen Abendball unter Garantie in eine riesige Moshpit, wie der moderne Neuhochdeutsche zu sagen pflegt – es ist offiziell gestattet hierbei jedwede Beherrschung zu verlieren.

Doch genug der lobpreisenden Worte, denn Coppelius kann nicht beschrieben, sondern nur am eigenen Leibe erfahren werden. Jedoch sollte man zuvor wegen der verschiedenen Risiken und Nebenwirkungen den leibeigenen Mediziner des Vertrauens zu Rate ziehen. Aber letztendlich gilt auch für den dritten Silberling das güldene Credo: Coppelius hilft!

(Peter Sailer)