Time – Zeit (2007)

Release Date: 2007-09-21
01. Intro
02. Ouvertüre
03. Rather Be Dead
04. Time-Zeit
05. Murders In The Rue Morgue
06. Urinstinkt
07. Operation
08. Olimpia
09. But
10. Nothing Personal
11. Escapade I
12. Absinth
13. Surely
14. Outro
Bonus:
Morgenstimmung
(Video-Clip)
von der EP „To My Creator“
Aufnahmen:
Mute-Off Studio Berlin
Produktion & Mix:
Coppelius & Deelay D. Smith (Mute-Off Studio Berlin)
Mastering:
Thomas Heimann-Trosien (Turnstyle Mastering Berlin)
Label: 
F.A.M.E. Recordings

 

Abrocken bei Teegebäck

Wir schreiben das Jahr 1791 nach Christus Geburt. Mozarts Zauberflöte füllt das erste Mal einen Konzertsaal. Fünf illustre Gestalten wohnen diesem Spektakel gemeinsam bei – ein erster Kontakt, der Folgen haben soll. Denn in periodischen Abständen führt das Schicksal eben diese Herren immer wieder an historisch relevanten Orten zusammen, sei es bei der Hinrichtung  König Ludwig XVI. oder dem Feldherrenhügel von Waterloo. Und immer wieder landet das Quintett nach einer angeregten Konversation bei Tee und Gebäck in einer grundsätzlichen Debatte über die Bedeutung der Dur-Terz in Harmonie mit besinnlichen Mollklängen. Zahlreiche akustische Tonversuche scheitern an gegenseitig beigebrachten Duellverletzungen oder kunsthemmenden, relevanten Weltereignissen. Erst als 1815 ein dauerhafter Stromschlag den Gentleman zu unerwarteter Lautstärke verhilft kann sich ihre mysteriöse Tonwerkzeugmischung aus zwei Klarinetten, Cello, Kontrabass und Schlagzeug behaupten und bläst so manche blaublütige Dame in der vordersten Sitzreihe in eine glückselige Ohnmacht, während das einfache Volk in manische Hysterie verfällt.

Während einige technische Errungenschaften der modernen Unterhaltungswelt, wie die Schellackplatte oder Jahre später das Tonband, an den Herren vorüberziehen, schaffen sie es dennoch über Jahrzehnte hinweg auf den Bühnen des Berliner Nachtlebens mit unerhörten Klangunsittlichkeiten zu begeistern. Das erstmalige Verströmen von Rockmusik über die Radios der Welt Mitte des 20. Jahrhunderts können die musikalischen Kinskis nur müde belächeln, denn den Rock ’n’ Roll haben sie bereits etliche Dekaden zuvor zelebriert. Doch erst heute ist die Musikwissenschaft in der Lage dem einzigartigen Klangbild Coppelius’ Verständnis entgegen zu bringen und ihm einen treffenden Namen zu geben: Kammer-Core oder auch Kammer-Rock, wobei auch der Begriff des G-Rocks (eine moderne Kurzform für Genial-Rock) in der Diskussion ist – ein schelmischer Wink auf die traditionelle Bühnenbekleidung des Fünfers, der sich auf außerordentlich galante und gepflegte Weise dem Auditorium präsentiert. Natürlich darf auch der vornehme Bühnenbutler nicht fehlen, der den Schallkavalieren die Schweißperlen von der Stirn tupft oder hin und wieder ein Tässchen Tee zur Erfrischung reicht, denn die ästhetischen Darbietungen von Coppelius verlangen Körper und Geist der Musizierenden so einiges ab.

Angesichts dieser Umstände, könnte sich der ein oder andere Neider dazu veranlasst fühlen, diese fünf Herren von Welt als altbacken oder, schlimmer noch, Klarinetten, Cello und Kontrabass als friedliebende Instrumente zu bezeichnen. Doch wer schon einmal eines der berühmtberüchtigten coppelianischen Klarinettensoli vernommen hat, in göttlich gefügter Einigkeit mit einem wogenden Kontrabass, kraftvoll schallendem Cello und pochendem Schlagwerk, der wird nicht nur eines Besseren belehrt, sondern auch musikalische Erleuchtung finden. Denn Coppelius hilft und das in allen Lagen des Lebens. Da ist es auch nicht verwunderlich, wenn sich bereits Größen, wie Iron Maiden und Motörhead klangheimlich an den Kompositionen des Quintetts bedient haben und unverschämter Weise behaupten, diese Werke entsprängen ihren eigenen Federn. Doch die begnadeten Klanggenies präsentieren auf ihrer ersten Silberscheibe „Time – Zeit“ endlich das lang erwartete Original von „Murders in the Rue Morgue“, das bisher fälschlich als ein Werk der eisernen Maiden betrachtet wurde und in seiner ursprünglichen Coppelius-Fassung über Maßen rockt, so dass der Zylinder nur kurzweilig auf dem Haupte verbleiben kann. Aber auch die restlichen Tondichtungen ihres Erstlings lassen ein friedliches Lauschen nicht zu, sondern fordern auf beinahe schimpfliche Weise zu körperlicher Ertüchtigung auf – selbst der feinste Hausherr dürfte hier im Badezuber lauthals die mitreißenden Refrains trällern und schamlos mit der Nackenbürste das Luftcello kreisen lassen. Aber auch für die zart besaitete Damenwelt schütteln die Charmeure so manch liebreizende Melodei aus dem Ärmel, mit einem eleganten Chorus veredelt dessen Ohrwurmcharakter nur ein Werk des Teufels sein kann.

Inhaltlich fühlt man sich selbstredend dem Namensgeber E.T.A. Hoffmann verpflichtet, aber es darf durchaus auch um die liebreizenden Nachwehen des Absinthkonsums gehen, die natürlich bereits im aufopferungsvollen Selbstexperiment ergründet wurden. Andernorts bringt man den Herren in Weiß eine Ode dar und besingt auf die vortrefflichste Art und Weise die menschliche Triebhaftigkeit – freilich sind Sarkasmus und Ironie stete Begleiter ihrer Poesie. Man könnte beinahe behaupten Coppelius verpfeife das Erbe der deutschen Romantik mit ihrer unverschämten, unsittlichen Art lauthals zu musizieren. Dem wiederum steht aber das glückselige Lächeln all derer gegenüber, die sich dem Opus der Zeitreisenden hingeben. Und erneut ist empirisch bewiesen: Coppelius hilft!